Wie reagiert ISBUS auf die Herausforderungen, vor der Beratung und Seelsorge in unserer Zeit stehen? Worin sehen wir unsere Beauftragung?
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Zwei Faktoren für einen Handlungsbedarf seien hier herausgegriffen:
* Unter den Nöten der Menschen in der westlichen Welt ist wahrscheinlich die Vereinsamung und Entfremdung voneinander sowie von Gott und seiner Schöpfung die größte und bedrohlichste. Natürlich wird man dann auch sich selbst fremd.
Die Zeitschrift „Der Spiegel" veröffentlichte eine Umfrage unter deutschen Jugendlichen. 94 Prozent erklärten, sie glaubten an die große Liebe, und 70 Prozent wünschten sich eine einzige Beziehung für das ganze Leben.
In keinem anderen Bereich ist in unserer Kultur die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit für viele Menschen größer als im Hinblick auf Beziehungen, von denen man sich Sicherheit und Geborgenheit erhofft(e).
* Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden die Depression in den industrialisierten Ländern stark steigen und bereits im Jahre 2020 die führende Krankheitsursache neben Herz-Gefäß-Erkrankungen sein (Quelle: epd 3.10.07).
Aufgrund solcher und vieler anderer bedrückenden Tatsachen liegt auf der Hand: Wer nichts für seine Psychohygiene tut, riskiert, dass es einem im Laufe der Jahre immer schlechter geht.
Die von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlten Fachleute können nur einem Bruchteil aller Nöte adäquat begegnen.
Beratung ist gefragt, die eine Antwort auf vielfältige Beziehungsprobleme ist und sich darum bemüht, es nicht zur Entstehung oder Verstärkung von psychischen Erkrankungen kommen zu lassen.
Wenn Menschen ihre Entwurzelung und Zerbrochenheit spüren, ist ein Glaube, der von dem bedingungslosen Angenommensein von Gott weiß, eine große Kraftquelle. Es ist durch zahlreiche Untersuchungen nachgewiesen, dass ein gesunder Glaube an Gott die Anfälligkeit für psychische Probleme verringert und zugleich hilft, sie leichter zu überwinden.
Hier ist die christliche Beratung herausgefordert, dieses Potential vielen Menschen zugänglich zu machen.
Die systemische Arbeit hat sich in den in unterschiedlichsten Tätigkeitsfelder rasant ausgebreitet. Viele Menschen und Organisationen haben wesentliche Erleichterung erfahren. So ist es nur allzu verständlich, dass heute systemische Fort- und Weiterbildungen die höchsten Wachstumsraten unter allen Weiterbildungen aufweisen.
Verwunderlich ist dagegen, dass gerade in Seelsorgeweiterbildungen und der Seelsorgepraxis im Umfeld evangelikaler Gemeinden bislang der systemische Ansatz relativ wenig Platz hatte.
Dabei stehen sich systemische Arbeit und Theologie so nahe. Systemisches Denken wird uns in der Bibel nahezu auf jeder Seite vor Augen gestellt. Als Christen sind wir davon überzeugt, dass Gott der Stifter unserer Beziehungssysteme ist. Es war seine Idee, uns so zutiefst beziehungsorientiert zu schaffen. Wenn wir ergründen, welche Schöpfungsabsichten hinter den Erfahrungen unseres Beziehungsalltags stehen, kommen bewährte Instrumente systemischer Beratung noch mehr zur Entfaltung.
Als Jesus gefragt wird, worauf es nach dem Plan Gottes für unser Leben ankommt, antwortet er: Du sollst lieben.
Dabei finden wir eine doppelte Dreidimensionalität vor.
Die Perspektiverweiterung, die durch systemisches Denken und Handeln in Beratungen stattfindet, wird nun noch mal wesentlich erweitert. So ist beispielsweise in den Prozess mit einzubeziehen, welchen Einfluss die Anwesenheit Gottes (genauer: unsere Wahrnehmung oder Nichtwahrnehmung derselben) auf unsere Beziehungen zu anderen, zu uns selbst sowie unser Gottesbild hat.
ISBUS hat sich zum Ziel gesetzt, in Theorie und Praxis die Kraft, die sich aus dieser Perspektiverweiterung für gute Lösungen ergeben, vielen Menschen verfügbar zu machen.
Dabei ist immer wieder um eine Ausgewogenheit zu ringen. So ist unbedingt darauf zu verzichten, zwanghaft die geistliche Dimension einzubeziehen. Es besteht nämlich grundsätzlich die Gefahr, auf eine geistliche Ebene auszuweichen, um eine Ratlosigkeit in einer Beziehung nicht durchschreiten zu müssen.
Mehr dazu finden Sie auf der nächsten Seite „Werte".
Dieser Aufgabenstellung können nicht einzelne BeraterInnen gerecht werden. Deswegen strebt ISBUS eine Vernetzung von Menschen an, die sich mit ihrer fachlichen Kompetenz, aber auch mit ihren Erfahrungen und vor allem mit ihrer seelischen und geistlichen Reife sich hinter die beschriebene Aufgabenstellung stellen.
Die enorme Nachfrage nach Weiterbildungen, die sich gleich zu Beginn der Arbeit herausstellte, ruft dringend nach Unterstützung von Fachleuten, die in der Weiterbildung tätig sind. Aber auch im Seminarbereich, in der Arbeit mit Aufstellungen und nicht zuletzt in der Vernetzung von systemischer Beratung und Seelsorge sind die Aufgaben nur durch das Mitwirken vieler zu bewältigen.
ISBUS soll so zu einer Plattform für die systemische Arbeit auf biblischer Grundlage werden. Perspektivisch sind neben den auf dieser Website beschriebenen Angeboten Fachtagungen beschrieben, die den dringend nötigen fachlichen Austausch fördern.
Die systemische Arbeit geht von Grundannahmen aus, die sich immer wieder bestätigen und uns im Grunde auch nicht überraschen, z.B.
* Systeme sind mehr als die Summe ihrer Teile. Die Beziehung unter ihnen ist der Dreh- und Angelpunkt. Wir entdecken einmal mehr, wie beziehungsorientiert uns Gott geschaffen hat. Wenn wir einer anderen Person oder auch einem Teil der Schöpfung unser Herz geöffnet haben und die Wege wieder auseinandergehen, ist ihm ein sicherer Platz im eigenen Herzen zuzustehen. Ignoranz oder Hass müssen scheitern.
* Aufgrund dieser Verbundenheit der einzelnen Mitglieder des Systems gilt: Was einem passiert, geschieht dem Ganzen und hat damit auf alle im System Auswirkungen. Die einzelnen Systemmitglieder üben zwar zum Erhalt des Systems unterschiedliche Funktionen aus. Doch jede/r der dazugehört, ist gleichwertig. Jede/r hat auch Recht, gesehen und gewürdigt zu werden. Wird jemand sein Platz und die damit verbundene Anerkennung nicht zugestanden, hat das Auswirkungen auf das Gesamtsystem. D.h. alle anderen fühlen sich weniger wohl, ohne in der Regel die Ursache dieser Einschränkung zu kennen. So hat es Gott eingerichtet, damit niemand einfach so aus den Beziehungsnetzen herausgekickt werden kann.
Solche Entdeckungen wurden vielfältig für die Lösung familiärer Beziehungsprobleme in der systemischen Beratung und Therapie genutzt. Vielen Menschen wurde deutlich, was für gravierende Auswirkungen es hat, wenn ein verlorenes Kind nicht betrauert wird, man sich eines Familienangehörigen schämt und ihn verleugnet usw. So werden Familientherapie und systemische Therapie oft synonym verwendet. Es wird landläufig von „Familienaufstellungen" gesprochen, obwohl der umfassendere Terminus „Systemaufstellungen" korrekter wäre, da es meist gar nicht nur um die familiären Beziehungen an sich geht sondern der Kontext dieser Beziehungen eine wesentliche Bedeutung hat. So ist es oft ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit mit oder ohne Aufstellungselementen, beispielsweise die verlorengegangene Heimat oder die soziale Komponente des landwirtschaftlichen Betriebs (der nicht nur das Überleben sicherte) mit einzubeziehen. In dem Erfassen der übergeordneten, gesellschaftlich bedingten Systeme liegt oft der Schlüssel zur Lösung. Welcher Weg dann beschritten wird, wirkt sich auf das gesellschaftliche System aus.
Gott geht mit dem einzelnen und deren Familien einen einzigartigen Weg. Doch Gott hat bei jedem Schritt die Geschichte seines ganzes Volk im Blick. Das wird im Buch Genesis sicherlich am offensichtlichsten, gilt dann aber auch für alles weitere.
Deshalb ist es für die Arbeit im Rahmen des Instituts Systemische Beratung und Seelsorge (ISBUS) sehr wichtig, eine Perspektiverweiterung vorzunehmen.
Wenn im Mittelpunkt Beziehungsklärung steht, dann wird nicht nur eine problematische zwischenmenschliche Beziehung anzuschauen sein sondern ebenso, wie es um die dazugehörigen Beziehungen zu Gott, sich selbst sowie der Umwelt bestellt ist.
Menschen leiden daran, dass ihre Beziehungen ihnen nicht sicher sind und sie sich demzufolge einsam fühlen und es in vielen Fällen ja auch tatsächlich sind. Wo immer sich Türen für die Heilung von Beziehungen öffnen, werden auch soziale Netzwerke gestärkt oder entstehen neu.
Im folgenden soll beschrieben werden, wie die beiden oben genannten systemischen Erkenntnisse für das Verständnis und Veränderungsprozesse gesellschaftlicher Systeme anzuwenden sind:
Die Gesellschaft, zu der wir gehören
Gerade die systemische Arbeit bestätigt, dass z.B. die Zugehörigkeit zu einem Volk bzw. einer Nation, in die man hineingeboren wurde, erhebliche Auswirkungen auf die Identität eines Menschen hat.
* Wir haben also eine Verbundenheit zu den Menschen, die zu unserem Volk gehören. Wir können die Beziehung zu diesem System nicht ignorieren (prinzipiell ebenso wenig wie das für familiäre Beziehungen zutrifft). Damit würden wir uns selbst von einem Teil unserer Identität abschneiden und Gefühle der Unsicherheit (oder im Extremfall: Entwurzelung) fördern.
* Es rächt sich, wenn auch nur einzelne übersehen werden. So hat z.B. eine Aufkündigung von Solidargemeinschaft enorme Auswirkungen auf den einzelnen. Das bedeutet, dass wir gefragt sind, wie es dem einzelnen geht, wen wir ignorieren, wem wir unser Herz verschließen, wessen wir uns schämen, wem wir seinen Platz in seinem sozialen Umfeld nicht zugestehen ...
Die Menschheit
Teil der Menschheit zu sein ist vielleicht der prägendste Teil der Identität. Deswegen können uns andere Menschen nicht gleichgültig sein. Sich von ihnen abzugrenzen, weil sie in ein anderes Volk hineingeboren wurden, muss scheitern. Wo immer Menschen Mitgefühl für andere Völker aufgeben, geht ihnen auch damit ein wesentliches Stück Sicherheit in ihrem Menschsein (und natürlich in ihrer Menschlichkeit) verloren. Denn wie gesagt: was einem Teil des Ganzen an Diskriminierung widerfährt, wirkt sich auf das Ganze aus und fällt damit auf den einzelnen zurück...
Fazit
Am Marburger Bibelseminar, mit dem ISBUS eng kooperiert, wird ein Studiengang für Gesellschaftstransformation angeboten. Siehe dazu www.gesellschaftstransformation.de
ISBUS wird Impulse der in diesem Rahmen stattfindenden Arbeit in Lehre und Forschung aufnehmen.
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