Zur Veranschaulichung systemischen Denkens wird gern das Bild eines Mobiles gewählt: Wenn man an einer Stelle eine Veränderung vornimmt, verändert sich gleichzeitig auch viel an den anderen Punkten des Mobiles - vielleicht nur schwach an der einen Stelle, dramatisch stark aber an einer anderen. Fast alle Bereiche, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, lassen sich als solche „Mobiles" sehen. Das gilt für gewohnte „Systeme" unserer sozialen Welt, seien es Familien, Schulklassen, Gemeinden, Teams und Organisationen. Das Bild lässt sich aber auch auf kompliziertere Konstellationen anwenden - insbesondere in helfenden Berufen. Dort geht es in einer Kooperation vieler Professionen darum, mit den Betroffenen Lösungen zu suchen und zu finden. In all diesen Feldern hat systemisches Denken Einzug gehalten und breite Anerkennung gewonnen.
Um beim Bild des Mobiles zu bleiben - Probleme in Beziehungen entstehen dann, wenn sich das Mobile „festhakt", wenn das System an einer Stelle erstarrt. Dann ist es die Aufgabe des Beraters, das Ganze wieder in eine fließende Bewegung zu bringen, statt zu versuchen, lediglich einen Teil zu „reparieren". (Diese Beschreibung ist einem Text der „Systemischen Gesellschaft" entlehnt.)
Bei ISBUS werden wissenschaftlich fundierte und mittlerweile bewährte Konzepte bereit gestellt, die es möglich machen, zu sozialen „Systemen" Zugang zu bekommen. So entsteht, wo immer Menschen einander begegnen, durch das systemische Denken eine enorme Perspektiverweiterung.
Dafür gibt es viele Aspekte, von denen hier nur drei genannt werden sollen:
* Die Bedeutung unserer Beziehungen
Gott hat uns (verzehrend) beziehungsorientiert geschaffen. Kein Mensch ist ohne Beziehungsnetz auf diese Welt gekommen. Dieses Beziehungsnetz hat uns das körperliche und emotionale Überleben gesichert - besonders ganz am Anfang, aber auch heute.
Alle Probleme, aber auch all die Freuden sind untrennbar mit Beziehungen verknüpft. Darum macht es Sinn, von Anfang an das Beziehungsgeflecht in Augenschein zu nehmen, wenn wir für Leib, Seele und Geist Unterstützung suchen.
* Die systemische Arbeit ist sehr lösungsorientiert und von daher recht ökonomisch. Man muss sich nicht damit aufhalten, endlos das Problem zu beschreiben, sondern kommt schnell dazu gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
* In der systemischen Beratung und Seelsorge wird sehr schnell nach den Ressourcen gefragt, die es auch in sehr problematischen Situation gibt. Dies ist auch ein Prinzip, das wir bereits in der Bibel antreffen, z.B. wenn wir daran denken, wie Jesus sich nicht von der Verlorenheit seiner Mitmenschen schockieren ließ, sondern auf die Möglichkeiten Gottes geschaut hat.
In vielen Zusammenhängen lassen sich die Grundsätze systemischer Arbeit in der Bibel wiederfinden - auch wenn im biblischen Kontext diese Prinzipien noch wesentlich erweitert werden. Beispielsweise begegnet uns Gott in seinem Wort nicht nur lösungs- sondern durch und durch erlösungsorientiert.
Auf eine der abgrenzenden Positionierungen, die gegenüber der säkularen systemischen Beratung vorzunehmen sind, soll hier beispielhaft am Umgang mit dem Wahrheitsbegriff eingegangen werden:
Die systemische Beratung geht zumeist von folgender Sicht aus: Menschen und Gruppen von Menschen haben selbst die Kompetenz, ihre Probleme zu lösen. Für den Berater ist es ein Kardinalfehler, dem Klienten die Lösung seines Problems zu präsentieren, denn damit mischt er sich unberechtigterweise in ein fremdes System ein. Er ist dazu da, den Ratsuchenden zu begleiten, während dieser selbst die Perspektivenerweiterung vornimmt.
Hintergrund dieser Einstellung ist die Konstruktive Philosophie, die in ihrer radikalen Ausprägung meint: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung." (Foerster, 1981) Es gibt nach deren Ansicht gar keine objektive Wahrheit, sondern nur unsere Konstruktionen von ihr.
Wer von diesem Verständnis der Wirklichkeit ausgeht, kann natürlich auch nicht wissen, was für den Ratsuchenden tatsächlich gut und sinnvoll ist. In einer konstruktivistisch geprägten Beratung wird nicht sichtbar, welche Problemerklärungen, Lösungsideen, Werthaltungen oder Meinungen der Berater bevorzugt. Ein „Besser" oder „Richtiger" kann so vermieden werden. Ebenso bleibt offen, ob der Berater Probleme oder Symptome für etwas Gutes oder Schlechtes hält und ob ihr Erhalt gefördert werden soll oder sie „wegzumachen" sind. Dadurch können voreilige Einschätzungen vermieden werden. Denn ein durchaus belastendes Symptom kann für den Betreffenden manchmal wichtig oder gar unverzichtbar sein.
Wenn wir uns nun zu diesem Verständnis auf biblischer Grundlage positionieren, ist zunächst auf eine Gefahr hinzuweisen: Die Zurückhaltung, dem Ratsuchenden Lösungen überzustülpen, ist sehr wichtig. Aber ein Relativismus könnte dazu führen, dass der Berater überhaupt keine Positionen bezieht und sich der Ratsuchende alleingelassen fühlt.
Es ist zu betonen, dass Christen das konstruktivistische Wirklichkeitsverständnis nicht teilen. Die Bibel sagt uns: „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis" (Kolosser 3, 2). Und Jesus sagt von sich, dass er die Wahrheit ist (Johannes 14, 6), die allerdings für uns verborgen ist und zu der wir auch in der Begegnung mit ihm nur bruchstückhaft Zugang haben.
So geht der systemische Seelsorger nicht davon aus, dass der Ratsuchende weiß, was gut für ihn ist. Allerdings kann es der Seelsorger auch nicht wissen. Nur Gott weiß es und wir können gemeinsam danach Ausschau halten. Wir werden bei einem weisen Seelsorger also auch eine Zurückhaltung finden, welche der des systemischen Beraters mit humanistischem Weltbild ähnelt - und doch eine andere Grundlage hat.